Freitag, 5. Juni 2009

Da guckst du



Protokoll der mündlichen Abitur-Prüfung vom 4.6.2009

Fach: Deutsch, Thema: Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl

Aufgabe: Welche besondere Erzähltechnik erkennen Sie in Schnitzlers Werk?

Ok, die letzte für heute, was für ein Thema, ach ja, dasselbe wie eben. Mir tut schon die Hand weh vom vielen Schreiben, ich schreib jetzt nur noch die Hälfte auf, das liest eh kein Mensch mehr und wenn, kapiert doch keiner mehr, was hier besprochen wurde. Dieser Raum, irgendwie unwürdig, da macht einer seine letzte Schulprüfung in einem schlecht riechenden, unaufgeräumten, dreckigen Klassenraum, Mann. Nein, so muss es sein, das wär doch sonst der absolute Schock für die Prüflinge, die kennen das ja gar nicht anders, aber trotzdem... Gut, egal, die eine noch. Da kommt sie ja endlich, wenn die wieder so'n Dekolleté hat, verkriecht sich der Vorsitzende im Mülleimer, der wusste ja eben gar nicht mehr, wo er hingucken sollte. Ja, ok, wir wissen alle, wie das hier läuft, los jetzt. Die fängt genauso an wie die von eben, hätte ich glatt kopieren können, hört sich aber gut an, das wird was. Mein lieber Schwan, das Dekolleté, was macht der Vorsitzende, verklemmt sich, das gibt‘s doch nicht, verdammt, was hat sie gesagt, ja, ja, Innerer Monolog und der ganze Rest, liest eh keiner. Ich hab Hunger, hoffentlich ist noch was von dem Croissant da. Diese Schiller- und Goethezitate hängen in diesem Raum seit mindestens fünf Jahren. Guckt da mal einer drauf, verdammt, das heißt doch Bewusstseinsstrom, ist da jetzt ein s zu viel, na ja, guck ich gleich nochmal. Also, Junge, Junge, wenn ich nicht schreiben müsste, würde mich das Dokolleté wahrscheinlich auch nervös machen, ist das jetzt Absicht, ich kenn die gar nicht, jetzt hat er aber richtig draufgeguckt, ich muss mich konzentrieren, irgendwas muss hier nachher stehen. Was? Ach so, das hat er eben auch gefragt, was kommt da jetzt, na ja, klar. Ich guck jetzt auch mal richtig, nix da, wenn das auffällt, das stört doch. Er hat wieder geguckt, hält sich die Hand so verkrampft vors Gesicht, der kämpft. So, ja, die eigene Meinung, da muss ich aufpassen, da kann man ja gar nicht weggucken, was heißt hier "lieben belebt", ist das wirklich von Goethe, jetzt komm zum Ende, ja ,ja. Wie, 15 Punkte, wo hat eigentlich der Prüfer die ganze Zeit hingeguckt?

Donnerstag, 4. Juni 2009

Hier spricht der Papst

"Unser Deutschunterricht mag für künftige Lehrer perfekt sein - für alle anderen, die etwas zu sagen haben, ist er ein Desaster."

Es ruft wieder jemand.
Wolf Schneider, der nichts weniger als ein "Sprachpapst" ist, richtet das Wort an die Deutschlehrer.
Da muss man doch mal zuhören.
In der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung erscheint seit Mai der "Sprach-Videoblog" von Wolf Schneider.
Schon im zweiten Eintrag setzt sich der Autor kritisch mit uns Deutschlehrern auseinander und erklärt mal kurz, warum das alles gar nichts werden kann mit uns und unseren Schülern.
Einiges könnte einem ganz tröstlich erscheinen, denn Schuld seien die Bürokraten, aber so richtig erhellend kann mir Herr Schneider in 2 Minuten 45 Sekunden die Lage auch nicht schildern.
Naja, muss man ja wohl auch nicht, wenn man Papst ist.


Hier spricht Herr Schneider