Sonntag, 24. Januar 2010

Wie lange dauert die Gegenwart?



"Verben heißen im Deutschen u.a. auch 'Zeitwörter', weil man mit ihnen verschiedene Zeiten ausdrücken kann. Eine dieser Zeiten ist die Gegenwart."
So ungefähr klang letzte Woche eine Einleitung in meinem Deutschunterricht der 5. Klasse zum Thema "Wortarten".
Einem plötzlichen Impuls folgend stellte ich die Frage, wie lange denn die Gegenwart eigentlich dauere, ich war mir selbst nicht sicher (wie auch?).
Was dann folgte, war verzweifelt schön:
Die Gegenwart sei eine Sekunde lang oder aber sie dauere ewig. Es gäbe gar keine Gegenwart, alles sei Vergangenheit oder Zukunft, ja und dann könnten wir unser heutiges Thema doch gleich vergessen, vielleicht existiere ein Gesetz oder, oder, oder.
Die kleinen Philosophen diskutierten, rechneten, entdeckten, verzweifelten beinahe, bis Mahsun sich energisch zu Wort meldete und in meine Richtung triumphierend und etwas ärgerlich verkündete:

"Also, das kann man gar nicht richtig lernen, was sie wissen wollen!"

In diesem Satz offenbarte sich kurz und knapp die eingeschränkte Sicht des Lernens, wie sie unsere Schüler zumeist erfahren. Gelernt ist etwas nur, wenn es von einer Autoritäsperson, dem Lehrer, als "richtig" klassifiziert ist und eindeutig reproduziert werden kann. Alles andere ist nicht "richtig lernen".

Wir haben die Wortarten erst einmal links liegen lassen, die laufen ja nicht weg.
Eine Umfrage unter den Eltern, die Dauer der Gegenwart betreffend, und ein Nachdenken darüber, was man eigentlich alles lernen kann, ist jetzt dank Mahsun irgendwie wichtiger.

Dienstag, 19. Januar 2010

Ein Drittel mehr, weil ein Drittel Idioten sind?

Kabarettisten machen merkwürdige Rechnungen auf. Können die rechnen?
Volker Pispers rechnet mal mit uns Lehrern, dabei rechnet er nur ein ganz klein wenig mit uns ab.
Ab und zu gibt es sogar ein wenig Solidarität mit den "guten Lehrern".
Den Ruf nach endlich mal annehmbar gekleideter Lehrerschaft hört man aber auch hier.
(Vgl. den post vom 10. Januar)

Sonntag, 10. Januar 2010

Stil im Lehrerzimmer


Morgen geht's wieder los. Ende der Weihnachtsferien.

Das neue Jahr soll auch in der Schule eine sichtbare Veränderung bringen!
Wir haben jetzt endgültig genug von unansehnlichen Lehrkörpern, die unsere Schulen zuhauf bevölkern. Durch einen der stillosesten, unerotischsten Plätze der Republik geht jetzt ein Ruck. Das deutsche Lehrerzimmer wird schick!

Wir starten eine „Stiloffensive“.

Was wir also in Zukunft nicht mehr sehen wollen:
  • Männer mit fast in die Armbeuge hochgezogenen, speckigen Breitcordjeans.
  • Weiße Tennissocken, die unter eben jenen Hosen hervorlugen.
  • Lappige Wollpullover mit den abscheulichsten Mustern .
  • Sandalen, in denen bestrumpfte Füße stecken (manchmal ohne Strümpfe noch viel schlimmer).
  • Insgesamt schlecht sitzende, billige Kleidung, die an den merkwürdigsten Stellen mit Kreideflecken verunreinigt ist, und das nicht nur an einem Tag, nein, jeden Tag.
  • Hier besonders ins Auge fallend, wenn der Lehrkörper hoheitliche Aufgaben zu erledigen hat (Abitur etc.) und komischerweise meint, er müsse sich „besonders“ anziehen, was fast immer ein stilistisches Debakel wird.
  • Selbst geschnittene Haare und -bei den Männern zusätzlich- Bärte, so wie es anno 68 schick war.
  • T-Shirts mit putzigen, selbst kreierten Sprüchen wie: „Juchhu, endlich wieder Altgriechisch!“
  • ...und, und, und...


All das ist bald vorbei, wenn man die neuerliche Debatte um das Outfit von Lehrern verfolgt. So gibt zum Beispiel Werner Knecht in der NZZ die bahnbrechende Erkenntnis zum Besten, dass das Auftreten und die äußere Erscheinung einer Lehrperson mit dessen Lehrerfolg korreliere, um dann aber festzustellen, dass die wenigsten Lehrer sich daran hielten. Es wird die Frage von Schuluniformen für Lehrer diskutiert
und es werden gewichtige Fachleute zitiert:
„Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, plädiert für einen eher unauffälligen Stil – weder zu elegant noch zu cool.“
Spannend wird die Sache aber erst, wenn ein „Stilexperte“ sich den stilresistenten Lehrkörper zur Brust nimmt und fordert:
Der Dresscode für Männer:
Im Sommer wie im Winter sind gedeckte Naturtöne eine sichere Empfehlung. Einfarbige Anzüge sind nicht nötig, besser sind englisch angehauchte Kombinationen aus Kord, Tweed oder einem währschaften Baumwoll-Twill. Die Ärmel des Sakkos können Leder-Blätze an den Ellbogen haben. Zu dieser Garderobe gehören Flanell - oder Oxford-Hemden - niemals aber kragenlose T-Shirts. Wer das Hemd ohne Krawatte trägt, sollte Button-down-Kragen wählen. Wer Krawatten bevorzugt, dem seien Klubstreifen oder Karos empfohlen. Über dem Hemd können auch einfarbige Pullover oder Pullunder getragen werden. Brogues mit kernigen Ledersohlen geben eine rustikale Note, doch Turnschuhe, Slippers und Sandalen sind tabu. Jeans werden immer mit einem Jackett kombiniert.
Klassenauftritt der Frauen:
Auch Lehrerinnen muss dringend dazu geraten werden, auf Elemente der Freizeitgarderobe zu verzichten. Als Basis ist das Kostüm (wahlweise mit kniebedeckendem Rock oder langer Hose) ein sicherer Wert. Statt auf Jeans zu pochen, sollte der in Vergessenheit geratene Hosenrock wieder erwogen werden. Eine helle Bluse wirkt seriös und fokussiert, ein Foulard gibt einen Farbtupfer. T-Shirts sind möglich, aber niemals «solo» getragen, nur für drunter. Zu empfehlen sind das Twinset und die Feinstrickjacke, auf Schmuck und hohe Absätze kann verzichtet werden.

Alles klar!?
Gut, dann rein ins „englisch angehauchte“ Sakko oder den „kniebedeckenden Rock“ und schon wird alles gut.

Irgendwie will der neue, feine Stil aber noch nicht so recht zu der seit 30 Jahren nicht renovierten, lädierten und verdreckten Anstalt passen, die dem Lehrkörper von seinem Dienstherren als Arbeitsplatz zugewiesen wurde.
Und so läuft er dann auch nach ein paar Tagen wieder genauso schmuddelig herum, wie vor der „Stiloffensive“.
Irgendwie schade, ein wenig auch wegen des o.g. Lehrerfolges.